Schulpastoral

Bistum Regensburg

Grundlagen von Schulpastoral auf der Basis der „Leitlinien für Schulpastoral an Hauptschulen“

(Hg. Katholisches Schulkommissariat in Bayern am 28. April 1998)
ergänzt und redaktionell verändert durch Susanne Noffke
(Diözesanbeauftragte für Schulpastoral der Diözese Regensburg)

Inhalte:
1 Grundlagen
1.1 Beschreibung und Definition
1.2 Rechtliche Rahmenbedingungen
2 Grundanliegen, Unterscheidungen und Prinzipien der Schulpastoral
2.1 Grundanliegen
2.2 Unterscheidungen
2.3 Prinzipien
3 Handlungsfelder und Praxisbeispiele
3.1 Handlungsfelder
3.2 Schulische und außerschulische Angebote
3.3 Praxisbeispiele
Literatur

1. Grundlagen

1.1 Beschreibung und Definition
Die Schule ist ein prägender und bestimmender Lern- und Lebensraum für Kinder und Jugendliche, für Lehrerinnen und Lehrer, für Eltern und alle Personen, die am Schulgeschehen beteiligt sind. Immer mehr Schülerinnen und Schüler verweilen über die Hälfte des Tages in der Schule.
Damit die Schule nicht nur Aufenthaltsort, sondern Lebensraum für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sein kann, engagieren sich Christinnen und Christen aus ihrer Glaubensüberzeugung heraus für Schulleben und Schulkultur.
Dieses Engagement der Kirche im Handlungsfeld Schule, das in vielfältigen Formen innerhalb und außerhalb des Unterrichts geschieht (vgl. unten 3.), wird zusammenfassend als "Schulpastoral" bezeichnet.1
Der Kirche geht es in ihrem Sendungsauftrag durch Jesus Christus um das Heil jedes Menschen. Im Blick auf die Botschaft und das Handeln Jesu realisiert sich ihre Sorge um den Menschen, indem sie mit der Verkündigung der Reich -Gottes-Botschaft in Tat und Wort dort ansetzt, wo sich der einzelne Mensch befindet, wo "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst"2 (Gaudium et spes 1) sein Leben und seinen Glauben bereichern bzw. gefährden oder zu zerstören drohen. Analog dem Handeln Jesu sucht die Kirche die Menschen dort auf, wo sie leben und arbeiten.
Im Rahmen dieser "Geh-hin-Seelsorge" oder „lebensraumorientierten Seelsorge“ setzt sich die Kirche auch in der Schule für die Menschen ein.
Träger der Schulpastoral sind alle Christinnen und Christen im Bereich der Schule, die für ihren Lern- und Lebensraum Mitverantwortung übernehmen.
Zielgruppen:
Das Angebot richtet sich an die Schülerinnen und Schüler und in gleicher Weise an deren Eltern, an die Lehrkräfte und alle in der Schule Beschäftigten. Diese sind nicht Objekte, sondern Subjekte der Schulpastoral.
Schulpastoral versteht sich als Dienst der Kirche im Handlungsfeld Schule, der einen Beitrag zur Mitgestaltung eines humanen Schullebens leisten will.3
In der Erklärung der Bischöflichen Kommission für Erziehung und Schule "Schulpastoral - Der Dienst der Kirche an den Menschen im Handlungsfeld Schule" werden folgende grundlegende Zielsetzungen der Schulpastoral formuliert (2.2):

  • im gelebten Miteinander des Glaubens die heilsame Präsenz des Christlichen erfahrbar machen und dadurch helfen, zu einer vernünftigen Selbstbestimmung des einzelnen in Gemeinschaft mit anderen zu gelangen;
  • einladen und anleiten, in diakonischem Geist Verantwortung für die humane Gestaltung des Schullebens zu übernehmen;
  • vertiefte Kooperation und Kommunikation über die Schule hinaus, und zwar sowohl mit den Bereichen von Pfarrgemeinde und kirchlicher Jugendarbeit als auch mit Einrichtungen der Erziehungs- und Sozialhilfe im kommunalen Bereich.

1.2 Rechtliche und pädagogische Rahmenbedingungen
Pastorales Engagement der Kirche im Bereich der öffentlichen Schule findet im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen statt und wird durch Bundes-, Landes- und Schulgesetze geregelt. Allerdings ist das schulpastorale Engagement an öffentlichen Schulen rechtlich nicht für alle Angebote eindeutig bestimmt. Deshalb ist Schulpastoral auf das Entgegenkommen und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der Hauptschule - insbesondere dem Lehrerkollegium und der Schulleitung - angewiesen. Der rechtsverbindliche Lehrplan für die Hauptschule eröffnet eine Reihe von Möglichkeiten für konkrete schulpastorale Aktivitäten.

Allgemeine rechtliche Grundlagen (siehe auch unter 3. Handlungsfelder – schulische und außerschulische Angebote)
Christliches Leben, religiöse Bildung und kirchliches Handeln sollen in der Schule präsent sein können:

Volksschule:
Art. 135 BV betont, dass in den öffentlichen Volksschulen Bayerns "nach den Grundsätzen der christlichen Bekenntnisse unterrichtet und erzogen" wird. Die dazu 1988 gemeinsam vom Vorsitzenden der Freisinger Bischofskonferenz und vom Landesbischof der Evang.-Luth. Kirche in Bayern herausgegebenen "Leitsätze für den Unterricht und die Erziehung nach gemeinsamen Grundsätzen der christlichen Bekenntnisse an Grund-, Haupt- und Sondervolksschulen"6 wurden vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus als Konkretisierung des Art. 135 BV der pädagogischen Umsetzung des Verfassungsauftrages verpflichtend zugrunde gelegt (KMBek v. 6.12.1988 Nr. III/2 - 4/109264);

nach Art 131 BV, der im Art. 1 Abs. 1 BayEUG aufgegriffen wird, zählen zu den obersten Bildungszielen "Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen ...";

der Beschluss des Bayerischen Landtags vom 03.07.1986 fordert: Um das in der Bayerischen Verfassung benannte oberste Bildungsziel "Ehrfurcht vor Gott" (Art. 131 Abs. 1 BV) "als Prinzip des Unterrichts in verstärktem Maße" anzustreben, soll "auf eine enge Zusammenarbeit von Eltern, Lehrern, Pfarrern und Diakonen, Katecheten und Schülern geachtet werden. In Verbindung mit dem Religionsunterricht sollen die Möglichkeiten von religiösen Orientierungstagen und von religiösen Gesprächskreisen in entsprechendem Umfange genützt werden." Art. 4 Abs. 1 und 2 GG lässt die Kirchen zu religiösen Handlungen (Gottesdienste, Seelsorge) in der Schule zu, wobei das Engagement dazu von den Kirchen ausgehen und der Freiwilligkeitscharakter gewahrt werden muss. Entsprechend umgesetzt ist dies in der Bayerischen Verfassung (vgl. Art. 107 Abs. 6; Art. 127; Art. 131 Abs. 1 und 2 BV) und in dem Gesetz über das Erziehungs - und Unterrichtswesen (vgl. Art. 1 Abs. 1 BayEUG).
Dazu kommt die Schulordnung für die Hauptschule im Hinblick auf Schulgebet (vgl. § 13 VSO und KMS vom 27.07.1987 "Schulgebet und oberstes Bildungsziel"), Schulgottesdienst (vgl. Bek. vom 21. April 1978, KMBI I S. 116, ber. S. 260) und Einkehrtage (vgl. § 25 Abs. 2 VSO).

Realschule:
Im Fachprofil Katholische Religionslehre findet sich bei den Zielen und Inhalten der Verweis auf nicht näher definierte „Formen der Schulpastoral“ als „Möglichkeiten den Unterricht zu bereichern“. Im Kapitel „Das Fach als Teil des Ganzen“ kann man lesen, dass „die Religionslehrer (...) sich an der menschenfreundlichen Ausgestaltung der Schule als Lebensraum“ beteiligen.

Gymnasium:
Im Fachprofil Katholische Religionslehre im Lehrplan für das Gymnasium sind inhaltlich viele Aspekte der Schulpastoral genannt, die hier unter dem „Beitrag des Faches zur gymnasialen Bildung und Persönlichkeitsentwicklung“ als religiöse Kompetenzen aufgeführt sind, wie z.B. Ausbildung von „Toleranz gegenüber den persönlichen Standpunkten anderer“ und „Befähigung „zum Leben in weltanschaulicher Pluralität“. Dem Religionsunterricht werden weiterere „wesentliche personale, kommunikative und soziale Kompetenzen“ zugeordnet, wie z.B. die Erschließung der „Sinnfrage“ sowie von Grundphänomenen und „Grenzsituationen menschlicher Existenz, z.B. Angst, Leid, Sehnsucht nach Glück und Heil“ (...), die Bewältigung altersspezifischer Herausforderungen, Unterstützung einer „Kultur des Lebens, welche (...) die unbedingte Würde des Menschen sichert.(...), die Förderung der „Kommunikationsfähigkeit uvm. Schulpastoral wird als eigener Stichpunkt bei der Zusammenarbeit mit anderen Fächern und bei Aktionen über den Unterricht im Klassenzimmer hinaus genannt. Dadurch würden „spürbare Impulse“ gesetzt, „welche das Schulleben mitgestalten und somit die Schulkultur auszuprägen helfen.“ (...)

Berufliche Schulen:
In den Lehrplänen für Katholische Religionslehre an den Berufsschulen und Berufsfachschulen ebenso wie in denen für die Fachoberschulen und Fachakademien findet sich explizit kein Hinweis auf Schulpastoral. Allerdings zeigt sich hier die enge Verbindung zwischen Religionsunterricht (RU) und Schulpastoral, da viele Bereiche, Themen und Ziele, die hier für den RU formuliert werden, zugleich für die Schulpastoral zutreffen. So finden sich bereits im Bildungs- und Erziehungsauftrag der Berufsschule (Lehrplan für die Berufsschule und Berufsfachschule, 1997/1998, Einführung) Aufgaben der Berufsschule wie „die Fähigkeit und Bereitschaft zu fördern, bei der individuellen Lebensgestaltung und im öffentlichen Leben verantwortungsbewusst zu handeln“ oder „auf Kernprobleme unserer Zeit eingehen, wie z.B. Arbeit und Arbeitslosigkeit, friedliches Zusammenleben von Menschen, Völkern und Kulturen in einer Welt (...), Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlage sowie Gewährleistung der Menschenrechte.(...)“ Auch in den Themen der einzelnen Jahrgangsstufen finden sich zahlreiche Anknüpfungspunkte wie z.B. Verantwortliche Partnerschaft, Aggressivität- Gewalt-Gewaltlosigkeit (Jahrgangsstufe 10), Verantwortung-Schuld-Versöhnung, Tod–und was dann? (Jahrgangsstufe 11) oder Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit, Beitrag zum Frieden oder Der Mensch in der Schöpfung (Jahrgangsstufen 12/13). Das neue Projekt Jugendliche ohne Ausbildung (JoA) ermöglicht und erfordert ein spezifisches Angebot für diese Gruppe von jungen Menschen. Auch hier können schulpastorale Projekte und Angebote das Konzept bereichern. Die zeitlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen an Beruflichen Schulen unterscheiden sich jedoch eklatant von denen der anderen Schularten, weshalb schulpastorale Angebote hier völlig anderer Strukturen und z.T. Organisationsformen erfordern.

2. Grundanliegen, Unterscheidungen und Prinzipien der Schulpastoral

2.1 Grundanliegen
Schulpastorales Handeln der Kirche gilt allen Menschen in der Schule. Zu den Grundanliegen der Schulpastoral zählen:

  • Menschen in ihrer jeweiligen Lebens- und Glaubenssituation aufzusuchen und zu begleiten (Hilfen zur Menschwerdung);
  • das Miteinander-Leben und -Arbeiten zu fördern (Beitrag zur Humanisierung und Verlebendigung
  • von Schulleben und Schulkultur);
  • (religiöse) Erlebnis- und Erfahrungsräume zu erschließen und zu vertiefen;
  • Beheimatung im christlichen Glauben zu ermöglichen;
  • Verständnis für andere Religionen und Kulturen zu wecken;
  • für Versöhnung, Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung zu sensibilisieren.

Mit diesen Grundanliegen, die ihre Umsetzung in den verschiedensten Formen und Handlungsfeldern (vgl. unten 3.) finden, greift Schulpastoral wesentliche Zielsetzungen der "Leitsätze für den Unterricht und die Erziehung nach gemeinsamen Grundsätzen der christlichen Bekenntnisse an Grund-, Haupt- und Sondervolksschulen" auf:

  • Selbstfindung und Sinnfrage:
  • Achtung der Würde jedes Menschen ehrfürchtiger Umgang mit der gesamten Natur:
  • Verantwortung für das Leben jeder Art ethische Orientierung:
  • Einsatz für eine humane Welt Gemeinschaftsfähigkeit:
  • Offenheit für den Mitmenschen Umgang mit Schuld:
  • Bereitschaft zur Versöhnung Sorgen und Ängste:
  • Vertrauen in die Zukunft

2.2 Unterscheidungen
Zwischen dem Unterrichts- und Erziehungsauftrag der Hauptschule und den Zielsetzungen von Schulpastoral kann es vielfache Verbindungen geben. Im Unterricht der Fächer können schulpastorale Anliegen ihren Ausdruck finden, wenn aus christlicher Motivation heraus Schüler/innen die Möglichkeit erhalten, ihre Erfahrungen, Fragen und Nöte zur Sprache zu bringen und sich damit auseinander zu setzen (vgl. Leitsätze).

Schulpastoral konkretisiert sich in den Beziehungen zwischen Lehrer/innen und Schüler/innen sowie bei der Auswahl und methodischen Gestaltung von Lerninhalten. In besonderer Weise gehört Schulpastoral zu den Grundanliegen des Religionsunterrichts der Hauptschule (vgl. Lehrplan II, B Fachprofile KR).

Allerdings sind Schulpastoral und Religionsunterricht nicht deckungsgleich.
Religionsunterricht findet als ordentliches Lehrfach in der Schule statt und richtet seine Bildungs- und Erziehungsarbeit am Lehrplan der Hauptschule aus. Schulpastoral ist kein Bestandteil des Fächerkanons, sie richtet ihr freiwilliges Angebot an konkreten Wünschen und Erfordernissen aus. Damit leistet Schulpastoral einen Beitrag zur Mitgestaltung von Schulleben und Schulkultur (vgl. Lehrplan I, 5).

Auch zwischen schulbezogener Jugendsozialarbeit und Schulpastoral gibt es vielfältige Verbindungen und Gemeinsamkeiten. Schulbezogene Jugendsozialarbeit (bzw. „Jugendsozialarbeit an Schulen“, Anm.d.Red.) versteht sich als Dienst an jungen Menschen im Horizont von Jugend, Beruf und Gesellschaft. Sie will die Bildungs- und Erziehungsaufgaben der Hauptschule durch sozialpädagogische Impulse unterstützen und stärken. Sie arbeitet nach den Grundsätzen der Prävention und Intervention. Mit ihren Angeboten wendet sich schulbezogene Jugendsozialarbeit an alle Schüler/innen, insbesondere an jene, die in der Schule nicht zurechtkommen. In diesem Zusammenhang findet das Kinder- und Jugendhilfegesetz mit seinen entsprechenden Paragraphen Anwendung (u.a. § 1 Abs. 3; § 11; § 13 Abs. 1 KJHG).
Mit der schulbezogenen Jugendsozialarbeit teilt die Schulpastoral begründet durch ihren diakonischen Ansatz das Interesse, Schüler/innen in ihren Lebensfragen Begleitung und Lebenshilfe anzubieten. Im Unterschied zur schulbezogenen Jugendsozialarbeit ist Schulpastoral aber in jedem Fall christlich motiviert und will in besonderer Weise versuchen, Fragen nach dem Sinn des Lebens und nach Gott Raum zu geben.

2.3 Prinzipien der Schulpastoral
Schulpastoral, die den Menschen im Sinne der genannten Ziele und Grundanliegen dient, zeichnet sich durch folgende Prinzipien aus:

  • Personales Angebot
    Schulpastoral lebt vom Engagement einzelner Menschen und damit vom personalen Angebot. Grundsätzlich gehören zum personalen Angebot alle, die sich in der Schulpastoral aus christlichem Glauben heraus engagieren und bereit sind, ihre Erfahrungen zur Sprache zu bringen und partnerschaftlich miteinander umzugehen. Zu den personalen Angeboten können sowohl solidarische und engagierte Einzelpersonen als auch Gruppen gehören.8 Zudem gilt: personales Angebot hat Vorrang vor dem Sachangebot.
  • Ökumene
    Die schulpastoralen Angebote der kath. Kirche sind ökumenisch ausgerichtet, d. h. sie stehen in der Regel auch evangelischen Christ/innen offen. Mancherorts geschieht schulpastorales Handeln bereits in ökumenischer Kooperation. Dies sollte - wo möglich und sinnvoll – verstärkt angestrebt werden. Dabei ist zu beachten, dass Menschen in der Hauptschule Ausdrucksformen des Glaubens finden können, die ihrer persönlichen Einstellung und konfessionellen Prägung entsprechen.
  • Freiwilligkeit
    Schulpastorale Angebote tragen den Charakter einer Einladung, nicht aber einer Verpflichtung. Gerade weil Leben und Glauben im Zentrum stehen, müssen sich die Menschen freiwillig zur Teilnahme entscheiden können. Dass es oftmals dafür einer Entscheidungshilfe bedarf, steht nicht im Widerspruch zum Freiwilligkeitsprinzip.
  • Gastfreundschaft
    Zu den verschiedenen schulpastoralen Angeboten sind grundsätzlich alle eingeladen, und zwar unabhängig von Alter, Geschlecht, Religionszugehörigkeit, Familienstand, Rolle oder Schichtzugehörigkeit. Gastfreundschaft heißt: jeder ist willkommen, so wie er ist. Das kann beim Einzelnen zur Erfahrung des Angenommenseins führen, ihn Heimat in einer Gruppe oder bei einem Menschen finden lassen. Gastfreundschaft ermöglicht auch eine offene Gesprächsatmosphäre, in der man sich gegenseitig gelten lässt.
  • Kooperation
    Die Verlebendigung und Humanisierung des Schullebens bedarf der Kooperation innerhalb der Schule und auch darüber hinaus mit entsprechenden Personen, Trägern und Einrichtungen. Deshalb ist Schulpastoral auf die Kooperation mit schulischen und außerschulischen Partnern angewiesen. Als schulische Kooperationspartner der Schulpastoral sind, soweit sie nicht selbst zu den Trägern von Schulpastoral gehören, u.a. Verbindungs- und Beratungslehrer/innen, Elternbeirat, Schulforum, Schülersprecher/ innen, Schulpsychologe/in, sonderpädagogische Dienste und schulhausinterne Erziehungshilfe zu nennen. Zu den außerschulischen Kooperationspartnern (vgl. Lehrplan I, 5.5) der Schulpastoral zählen u.a. Schulabteilungen und Seelsorgeämter der (Erz-) Diözesen, kommunale und kirchliche Jugendämter, Einrichtungen kommunaler und kirchlicher Jugendhilfe bzw. Jugendsozialarbeit, kommunale und kirchliche Beratungseinrichtungen und Jugend- bzw. Erwachsenenverbände sowie vor allem auch die Pfarrgemeinden.

3. Handlungsfelder (und Praxisbeispiele) der Schulpastoral

3.1 Handlungsfelder
Schulpastoral konkretisiert sich in den Handlungsfeldern der Kirche: der Diakonia, Martyria, Koinonia und Leiturgia. Dabei ist wünschenswert, im Lebensraum Schule alle vier Grundvollzüge zum Ausdruck zu bringen. Sie gehören originär zusammen und ergänzen einander, da sie in der Lebenspraxis Jesu ihren Grund haben. In der Apostelgeschichte (Apg 2,42.45-47a) wird in verdichteter Darstellung urgemeindliches Leben deutlich, wer diese Gemeinde "sein will und was sie für sich selbst als wesentlich erachtet", wenn sie ihre Sendung in das Leben hineinbuchstabiert.9 Übersetzt in eine zeitgemäße Sprache heißen

  • Diakonia: der Dienst an den Armen / Aufmerksamkeit für die Schwächeren 
  • Martyria: der Dienst am Wort / Auseinandersetzung mit der Botschaft Jesu
  • Koinonia: der Dienst an der Einheit / Zusammenhalt in der Gemeinschaft
  • Leiturgia: der Gottesdienst / Beten und Danken.

Bei diesen Grundvollzügen der Kirche lassen sich zwei Schwerpunkte feststellen: "Sendung" und "Sammlung". Ihrem Sendungsauftrag entsprechend wendet sich die Kirche den Menschen zu im Wort (Martyria) und in der Tat (Diakonia). Die Kirche führt aber auch die Menschen zusammen (Sammlung) zur Gemeinschaft (Koinonia) und zur Einheit im Gottesdienst (Leiturgia). Sendung und Sammlung, beides ist notwendig, bedarf einer inneren Ausgewogenheit und Zugeordnetheit, damit Kirche ihren Auftrag durch alle Zeiten hindurch glaubwürdig realisiert, ein tatsächliches Zeichen von Gottes Gegenwart und Barmherzigkeit zu sein. Ein wesentliches Handlungsfeld der Schulpastoral ist der diakonische Bereich, denn wenn Christ/innen sich an der Lebenspraxis Jesu orientieren, dann geht es immer auch um "die spannungsreiche und riskante Aufnahme der Kleinen und Schwachen, der Notleidenden und Unterdrückten, der Fremden und der anderen ..."10

3.2 Schulische und außerschulische Angebote:
Schulpastorale Angebote sind sowohl schulisch als auch außerschulisch anzusiedeln. Es kann sie sowohl innerhalb als auch außerhalb von Unterricht und Schule geben. Im Bereich der Schule finden sie im Rahmen der rechtlichen Bestimmungen statt (vgl. oben 1.2), die der Kirche und dem Staat zur Verwirklichung aufgetragen sind. Über den schulischen Unterricht hinausgehende schulpastorale Angebote werden mit der Schulleitung abgesprochen. Sie können durch die Leitung der Schule zu einer schulischen Veranstaltung erklärt werden, wenn diesen eine unterrichtliche oder erzieherische Bedeutung zukommt. Außerschulische Angebote, die nicht als schulische Veranstaltung deklariert sind, liegen in der Verantwortung der von der Kirche benannten kirchlichen Lehrkräfte und finden mit Zustimmung der zuständigen kirchlichen Dienststelle (Referat Schule und Hochschule, Pfarrgemeinde, Jugendamt) statt.
Hier gelten die Haftungs- und Versicherungsbedingungen wie für jede andere kirchliche Veranstaltung.

3.3 Praxisbeispiele
Praxisbeispiele aus dem Handlungsfeld Diakonia:
schulisch:
Hilfestellungen bei Konfliktsituationen, Kommunikationstraining Selbsthilfegruppe (z.B. für Scheidungswaise,
vorrückungsgefährdete Schüler/innen), Projekte im Bereich Umwelt und Soziales,
Kreativrunde "aktuelle Jugendfragen"
außerschulisch:
Schüler-Eltern-Lehrer-Seminar (z.B. zum Thema Aggressionen) Mittagsbetreuung Angebot von Supervision bzw. kollegialer Beratung für Lehrkräfte, Kurs "Lernen lernen" (Vorbereitung auf den "Quali"), Angebote zur Freizeitgestaltung (z.B. Spielenachmittag, Jugenddisco mit Podiumsdiskussion zum Thema Drogen)

Praxisbeispiele aus dem Handlungsfeld Martyria:
Schulisch:
religiöse Schulwoche (Stunden der Lebensorientierung im normalen Schulalltag) Schullandheimaufenthalt mit religiösen Elementen Lehrerkonferenz mit religiöser Thematik (z.B. ökumenischer Schulgottesdienst, Eine Welt), Öffentlichkeitsarbeit zu aktuellen Lebens- und Glaubensfragen (Infowand, Schaukasten), Zeitzeugen berichten (z.B. Entwicklungshelfer, Streetworker)
außerschulisch:
Tage der Orientierung/Einkehrtage Exerzitien im Alltag Jugendbibeltag/Kinderbibelwoche religiöses Wochenende, Einkehrtage für Familien, Besuch von besonderen Lern- und Lebensorten des Glaubens (z.B. Pfarrgemeinden, Klöster, ökumenische Projekte)

Praxisbeispiele aus dem Handlungsfeld Koinonia:
schulisch:
Arbeitskreis zur Gestaltung des Schullebens (z. B. Schulfest, Feiern im Jahreskreis), Teestube /Schülercafé, Kennenlerntag bei neuer Klassenzusammensetzung, Lehrersport, Theater- oder Musikgruppe
außerschulisch:
Lehrer- und Elterntreff (z.B. Café, Stammtisch) gemeinsame Unternehmungen von Schüler/innen, Eltern und Lehrer/innen (z.B. Wanderung), eine Woche während der Schulzeit gemeinsam gestalten (Lebenswoche oder "ora-et-labora" Tage), erlebnispädagogische Angebote

Praxisbeispiele aus dem Handlungsfeld Leiturgia:
schulisch:
Schulgottesdienste, Jahrgangsstufen- und Klassengottesdienste Frühschichten, Zeit für Ruhe und Einkehr während der Pause, Meditationsangebote, Raum der Stille, Feiern von Namens- und Geburtstagen, Schulgebet, Morgenkreis, Impuls am Wochenanfang, Feiern im Kirchenjahr, außerschulisch:
Jugend- oder Lehrerwallfahrt, Liturgische Nacht, Nacht der Versöhnung, Wandern mit der Bibel (z.B. Emmausgang nach den Osterferien), Ökumenischer Kreuzweg der Jugend, Gebetskreis (z.B. Taizégruppe)
Schulpastoral wendet u.a. Methoden der Jugend- und Erwachsenenbildung, fachliche Kompetenzen der Beratungsbereiche und sozialer Gruppenarbeit sowie ganzheitliche Methoden der Religionspädagogik an.
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Literatur
1 Vgl. Schulpastoral - der Dienst der Kirche an den Menschen im Handlungsfeld Schule, Erklärung der Kommission für Erziehung und Schule der deutschen Bischöfe, Nr. 16, Bonn 1996.
2 Die pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute "Gaudium et spes" 1, in: Kleines Konzilskompendium. Alle Konstitutionen, Dekrete und Erklärungen des Zweiten Vaticanums in der bischöflich beauftragten Übersetzung, hg. von Karl Rahner und Herbert Vorgrimler, Freiburg u.a. 1966, S. 449.
3 Vgl. Schulpastoral der Dienst der Kirche an den Menschen im Handlungsfeld Schule, a. a. O., 2.2.
Vgl. Ziele und Aufgaben kirchlicher Jugendarbeit, in: Gemeinsame Synode der Bistümer der Bundesrepublik Deutschland. Beschlüsse der Vollversammlung. Offizielle Gesamtausgabe I, Freiburg u.a. 1976, S. 293f.
4 Vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986.
5 Vgl. Jugendwerk der Deutschen Shell (Hg.), Jugend '97. Zukunftsperspektiven, Gesellschaftliches Engagement, Politische Orientierung, Opladen 1997, S. 14.
6 Vgl. Leitsätze für den Unterricht und die Erziehung nach gemeinsamen Grundsätzen der christlichen Bekenntnisse an Grund-, Haupt- und Sondervolksschulen, hg. vom Vorsitzenden der Freisinger Bischofskonferenz und vom Landesbischof der Evang-Luth. Kirche in Bayern, München 1988.
7 Vgl. Lehrplan für die Hauptschule. Bekanntmachung des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht, Kultus, Wissenschaft und Kunst vom 29.10.1997 Nr. IV/3 - S 7410/2 - 4/141584. Veröffentlicht in: KWMBl I So. -Nr. 1/1997.
8 Vgl. Ziele und und Aufgaben kirchlicher Jugendarbeit, a. a. O., S. 298.
9 Vgl. Rolf Zerfaß, Die kirchlichen Grundvollzüge - im Horizont der Gottesherrschaft, in: Konferenz der Bayerischen Pastoraltheologen (Hg.), Das Handeln der Kirche in der Welt von heute. Ein pastoraltheologischer Grundriss, München 1994, S. 34.
10 Ottmar Fuchs, Option für die Armen, in: Das Handeln der Kirche in der Welt von heute. Ein pastoraltheologischer Grundriss, a. a. O, S. 116.